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Experten warnen vor Chinas neuer Dating-App

Chinesische Dating-Apps hatten bisher eines gemeinsam: Wer als Ausländer davon Gebrauch machen wollte, war auf solide Mandarin-Kenntnisse angewiesen. Mit Tantan, seit 2014 auf dem Markt und seit letztem Jahr auf Englisch verfügbar, hat sich das geändert. Doch Experten warnen: Die App birgt gewaltige Sicherheitsrisiken.

Wer sich im Internet auf Partnersuche begibt, möchte meist nicht, dass enge Freunde oder Verwandte davon erfahren und erst recht nicht, dass Chatprotokolle und Passwörter für andere zugänglich sind. Spätestens seit dem Hacker-Skandal bei Ashley Madison ist der Diebstahl sensibler Persönlichkeitsdaten Top-Thema in westlichen Medien. Während sich amerikanische und europäische App-Anbieter mittlerweile darum bemühen, den Bedenken der User Rechnung zu tragen, gehen chinesische Startup-Unternehmen mit Nutzerdaten immer noch recht sorglos um.

Bestes Beispiel: Tantan. Auf den ersten Blick erscheint die App faszinierend. Das Interface ist einfach und benutzerfreundlich. Es gibt wenig störende Extras und jeder, der bereits Erfahrungen mit Tinder gesammelt hat, kann sich innerhalb weniger Minuten bei der heißen Dating-App zurechtfinden. Doch um Tantan besser zu verstehen, lohnt ein Blick hinter die Kulissen.

Passwörter und Benutzernamen leicht einsehbar

Amerikanische und europäische IT-Experten wie Larry Salibra schlagen schon lange Alarm, wenn es um das Fehlen elementarer Sicherheitsmaßnahmen, wie die Verschlüsselung von Persönlichkeitsdaten, geht. Im Gegensatz zu Tinder, wo es genügt, sich via Facebook zu registrieren, fragt Tantan beim Verifizierungsprozess nach der Telefonnummer. Anschließend wird der Nutzer dazu aufgefordert, ein Passwort zu vergeben. Und damit nicht genug: Tantan scannt das WeChat-Profil seiner Nutzer und schlägt vor, das eigene Profil vor den WeChat-Kontakten zu verbergen – oder eben nicht.

Wer sich mit der App genauer beschäftigt und mithilfe des Apple Xcode Developer Tools hinter die Kulissen blickt, wird überrascht. Das Tool erlaubt App-Developern über ein Textfenster einen Einblick ins „Console Log“ eines Smartphones. Dadurch lässt sich feststellen, ob eine App fehlerfrei funktioniert oder ob es nötig ist, Teile davon nachzubessern.

Bei professionell gestalteten Apps, wie Twitter, Facebook oder auch Tinder, ist ein Großteil der von User zu User kommunizierten Daten nicht einsehbar. Die Developer blockieren bestimmte Inhalte, bevor sie die App Usern zugänglich machen.

Nicht so bei Tantan: IT-Experte Salibra verweist darauf, dass die Daten, die zwischen dem eigenen Smartphone und den Servern hin und her geschickt werden, für Außenstehende sehr leicht einsehbar sind. Darunter fallen auch sehr persönliche Informationen wie Telefonnummern und Passwörter.

User sorgen sich wenig um Sicherheitslücken

Der Großteil der chinesischen Smartphone-Nutzer scheint sich wenig an den Sicherheitslücken zu stören. Wie Technode berichtet, zählt Tantan mittlerweile mindestens 2,5 Millionen aktive Nutzer. Nach Angaben der Betreiber sind 80 Prozent Mitte 20 oder jünger und zwei von drei Nutzern männlich. Besonders in den großen Metropolen ist die App bei Ausländern populär. In einigen Stadtteilen Pekings ist fast jeder zehnte Nutzer ein Laowai.

Was Sicherheitslücken und betrügerisches Verhalten angeht, so sind auch andere Dating-Apps in den letzten Jahren immer wieder in Verruf geraten. Bis zu einem grundlegenden Re-Launch im vergangenen Jahr galt Momo lange Zeit als erste Adresse für Betrüger. Inzwischen bemüht man sich jedoch um ein seriöseres Image und baut die App schrittweise zum sozialen Netzwerk für Teenager und Anfang-Zwanzigjährige aus. Bei Tantan scheint man solche Absichten nicht zu haben und ernsthafte Bemühungen, die Sicherheit der Nutzer zu verbessern, lassen sich derzeit nicht erkennen.

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3 Comments

  1. Hallo Stephan,

    dein Artikel hat mich auf Tantan neugierig gemacht und ich habe die App soeben installiert.

    Generell ist zu sagen, dass Tantan praktisch ein vollständiger Tinder-Klon ist – allerdings von einer früheren Version. Sogar die Match-Seite sieht praktisch identisch aus. Da Tinder in China nicht funktioniert, dürfte das durchaus eine gute Alternative sein.

    Zur Sicherheit: Ich bin zwar kein Experte. Aber ich habe das Gefühl, dass durch die Verknüpfung mit Facebook sehr viel mehr Schundluder betrieben werden kann als mit einem selbst gewählten Passwort und einer Handynummer. Denn selbst, wenn jemand diese beide Daten abfangen kann: Viel anfangen kann er damit noch nicht.
    Kurz: Ich habe bei Tinder ehrlich gesagt mehr Bedenken als bei Tantan.

    Dass man sich mit Handynummer und Passwort einloggt, ist nebenbei Gang und Gäbe. Das ist auch so bei Whatapp, Viber und vielen anderen Apps der Standard. Im Gegenteil: Apps, wo ich mich nur mit Social Media anmelden kann, sind mir grundsätzlich sehr suspekt. Und natürlich bringt eine Schnittstelle zu Facebook in China aus naheliegenden Gründen nicht sehr viel.

    Ob Tantan was taugt, kann ich nicht beurteilen. In meiner näheren Umgebung habe ich keine Profile entdeckt. Aber die Datenschutzbedenken kann nicht nicht so ganz nachvollziehen, beziehungsweise sehe hier Tantan etwa als gleich “gefährlich” an, wie die ganze Branche.

    Gruss,
    Oli

    • Stephan Mayer says:

      Hallo Oli,
      schön, dass du dich meldest und dir die Zeit genommen hast, eine so ausführliche Antwort zu meinem Blogpost zu schreiben. Und natürlich freue mich, wenn du die App (genauso wie ich) einmal selbst ausprobierst.

      “In meiner näheren Umgebung habe ich keine Profile entdeckt.”
      Bist du zur Zeit in China? Ich glaube, dass Tantan in Europa weitgehend unbekannt ist.

      Gruß,
      Stephan

      • Hallo Stephan,

        nein, ich bin momentan in der Schweiz.

        Es gibt schon Profile an, aber die sind alle in einer Distanz von 200 bis 500 Kilometer Entfernung. Aber ich kann mir vorstellen, dass das in China ganz anders aussieht.

        Positiv finde ich übrigens auch, dass man pro Tag bis zu 500 Personen liken kann. Kurz: Für Dating in China ist diese App sicherlich sehr gut.

        Gruss,
        Oli

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