China

Online-Spielsucht: Wie Drogen aus der Steckdose

Es muss nicht immer am hohen Arbeitsdruck liegen, wenn Pendler erschöpft in den U-Bahnen von Shanghai und Peking zusammenbrechen oder Studenten sich morgens in den Vorlesungen kaum auf den Unterrichtsstoff konzentrieren können. Manchmal sind es auch Online-Spiele, die junge Menschen ihren Schlaf rauben und dafür sorgen, dass sie oft Tage und Nächte in den Internet-Cafés der Großstädte verbringen.

Ob World of Warcraft, EverQuest oder League of Legends: Online-Games sind jungen Chinesen inzwischen vertrauter sind als traditionelle Brettspiele wie Mahjong und Mühle. Die Begeisterung fürs Online Gaming (Chinesisch: 游戏在线, Pinyin: yóu xì zài xiàn) ist in allen Bevölkerungsgruppen groß: 2014, so schätzt man bei Statista, sollen 478 der 642 Millionen Internet-Nutzer in China regelmäßig Online-Spiele auf ihrem Smartphone oder Tablet gespielt haben, ein prozentual weit höherer Anteil als beispielsweise in Europa oder den USA. Innerhalb von weniger als fünf Jahren hat sich damit die Zahl der mobile gamer vervierfacht.

Online-Spiele für viele ein gewaltiges Geschäft

Wo hört das Vergnügen auf? Wo beginnt die Sucht? Am Thema Online Gaming scheiden sich auch in China die Geister. Mehr als zwanzig Prozent der Online-Gamer verbringen mindestens eine Stunde pro Tag mit Computerspielen, 8,2 Prozent sogar mehr als zwei Stunden. Onlinespiele sind in allen Altersgruppen populär. Die überwiegende Zahl der exzessiven Online-Gamer ist allerdings, ähnlich wie in den USA und in Europa, männlich und unter 25 Jahre alt. Wie eine von Tech in Asia zusammengetragene Studie im vergangenen Jahr ermittelt hat, sind etwa neun Prozent der Nutzer jünger als 19 und 35 Prozent über 26 Jahre alt.

Die Daten verdeutlichen vor allem eines: Online-Spiele sind ein gewaltiges Geschäft. Daran sind vor allem die großen Internet-Konzerne, wie Tencent, NetEase und ChangYou, beteiligt, die den Spielemarkt unter sich aufgeteilt haben. Um in ein höheres „Level“ aufzusteigen, sind Spieler nicht selten bereit, tief in die Tasche zu greifen. Und auch die zahlreichen Internet-Cafés, die es bereits seit Mitte der neunziger Jahre gibt, freuen sich aufgrund der zahlreichen Nutzer von Online-Spielen nach wie vor großer Beliebtheit. Gut zwanzig Prozent der Online-Gamer spielt bevorzugt in Internet-Cafés, die im Chinesischen als wǎngbā (网吧) bezeichnet werden.

300 Stunden nonstop im Internet-Café

Schlagzeilen von jungen Menschen, die Tage und Nächte in Internet-Cafés verbringen, machen in den chinesischen Medien seit Jahren die Runde. Eine besondere Rolle spielen hierbei soziale Netzwerke, wie Sina Weibo, in denen Nutzer über Probleme in Zusammenhang mit der ausufernden Online-Spielsucht diskutieren: In einen Fällen ist von Jugendliche die Rede, die 200 oder 300 Stunden am Stück mit Online-Spielen verbringen und nur zum Toilettengang ihren Computer verlassen.

Auch zu Todesopfer ist es in den vergangenen Jahren wiederholt gekommen: Im November 2014 soll ein jugendlicher Spieler seine Eltern erschlagen haben, nachdem diese ihm den Zugang zu Online-Games verweigert hatten. Vergangenen März kam ein Spielsüchtiger in Shanghai zu Tode, nachdem er 19 Stunden nonstop mit World of Warcraft verbracht hatte. In Taiwan starben im Januar innerhalb von drei Wochen zwei Personen, nachdem diese sich drei beziehungsweise fünf Tage ohne Pause in einem Internet-Café aufgehalten hatten.

So ist es kein Wunder, dass der Wunsch nach Lösungen für das Problem innerhalb der chinesischen Gesellschaft wächst. In sozialen Netzwerken, wie WeChat oder Sina Weibo, werden die Folgen von Mobile-Gaming seit langem intensiv diskutiert. Auf Gamer spezialisierte Suchtkliniken nehmen sich seit einiger Zeit der negativen Auswirkung von Online-Spielen an. Medikamente, sportliche Ertüchtigung und Psychotherapie sollen den Betroffenen bei der Bewältigung ihrer Sucht helfen.

Ein wichtiges Ziel ist es dabei auch, den Abhängigen Selbstvertrauen zurückzugeben. Um das Problem wirksam zu bekämpfen, bedarf es einer weiteren gesellschaftlichen Sensibilisierung und noch größerer Anstrengungen. Online-Spiele, schreibt der „Stern“, sind für viele immer noch wie „Herion aus der Steckdose“ — und das nicht nur in China.

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2 Comments

  1. Ein toller Beitrag über ein schlimmes Phänomen… “Raus an die frische Luft” ist natürlich auch häufig keine Alternative in China:/

    • Stephan Mayer says:

      Herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Was mich bei der Recherche zu meinem Blogpost besonders erstaunt hat: Obwohl man eine “wang ba” fast an einer Straßenecke in China finden kann, gibt es im deutschsprachigen Netz so gut wie gar keine Infos darüber! Was war Ihnen vorher über das Phänomen bekannt?

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