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„Social Media sollte auch für deutsche Krankenhäuser zum Alltag gehören“

An Yasin Yanik kommt bei den Frankfurter Rotkreuz-Kliniken keiner vorbei. Der liebevolle Familienvater kümmert sich leidenschaftlich darum, dass in dem Krankenhaus auch im Winter niemand im Kalten sitzen muss. Das Personalmanagement hilft ihm dabei, Familie und Job unter einen Hut zu bringen − im heutigen Berufsalltag, wo häufig nur in Quartalen gedacht wird, keine Selbstverständlichkeit.

Das Beispiel von Yasin Yanik verdeutlicht: Bei den Frankfurter Rotkreuz-Kliniken wird allen Angestellten ein hohes Maß an Anerkennung zuteil. Und soziale Netzwerke helfen der Einrichtung dabei, diese Tatsache, einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Reaktionen in sozialen Netzwerken geben dem Krankenhaus recht. So schreibt Mohamed Filali am 27.06.2014 auf Facebook: „Diese Kliniken kann ich nur empfehlen, falls mal jemand wirklich einen Klinik-Aufenthalt benötigt.“ Und Gisela Schneider, ebenfalls Facebook-Nutzerin, meint: „Ich bin sehr zufrieden mit dem Rotkreuzkrankenhaus am Zoo. Sowohl als Patientin als auch als Dienstleister (Patientenfahrdienst): Man ist hier wirklich von Anfang an in guten Händen.“

Soziale Medien sind für die meisten deutschen Krankenhäuser nach wie vor Neuland. Im Rahmen meiner Facharbeit für die IHK Mülheim, in der ich mich im April 2013 mit der Präsenz von Krankenhäusern in sozialen Netzwerken auseinandergesetzt habe, bin ich zu dem überraschenden Ergebnis gekommen, dass keine der von mir untersuchten Düsseldorfer Kliniken über einen aktiven Facebook-, Twitter- oder YouTube-Account verfügt.

Fast zwei Jahre später scheint sich wenig an dieser Situation geändert zu haben. Gerade einmal 15,7% aller deutschen Krankenhäuser verfügt über eine eigene Facebook-Fanpage, weniger als zehn Prozent nutzen das Netz aktiv und die 20 aktivsten Häuser sind für über 50% der Posts verantwortlich (Stand 2014).

Soziale Medien sind längst „fester Bestandteil der Kommunikation“

Mit der aktiven Nutzung von Facebook, YouTube und Xing heben sich die Rotkreuz-Kliniken in Frankfurt somit deutlich vom Rest der Krankenhäuser ab: „Da Social Media in der deutschen Krankenhauskommunikation bisher kaum eine Rolle spielen, mussten wir uns auf die bekanntesten Plattformen fokussieren. Kommunikationsverantwortliche im Krankenhaus wollen keinen Raum für eventuelle öffentliche Kritik oder gar Shitstorms aufgrund von medizinischen oder pflegerischen Fehlern schaffen“, glaubt Pressesprecher Martin Camphausen.

Mit 1.335 Fans (Stand 19.03.2015) ist die Facebook-Community im Vergleich zu anderen Einrichtungen, vor allem im internationalen Vergleich, noch nicht allzu groß, jedoch beständig am Wachsen. „Social Media ist kein Modephänomen, sondern längst fester Bestandteil der modernen Kommunikation,“ ist Camphausen überzeugt.

Auch bei den Rotkreuz-Kliniken war die Idee, sich via Facebook und YouTube an Patienten und Mitarbeiter zu richten, keineswegs unumstritten: „Sowohl die Geschäftsführung als auch die Mehrheit meiner Kollegen war von der geschäftlichen Nutzung sozialer Netzwerke zunächst gar nicht begeistert“, räumt Camphausen ein: Gehört sich das für ein Krankenhaus, sind wir groß genug für sowas, ist das nicht zu salopp, haben wir überhaupt genug zu berichten, was machen wir bei einem Shitstorm, schafft eine Stabsstelle das ressourcentechnisch. Das waren die Fragen, die es zu beantworten galt, als Camphausen im Februar 2014 mit seiner Arbeit als Pressesprecher begann. „Ich musste viel Aufklärungsarbeit leisten, aber am Ende ist es mir gelungen.“

Xing und Facebook als Netzwerke zur Rekrutierung neuer Fachkräfte

Auch bei der Stellensuche haben soziale Netzwerke längst Vorrang vor Annoncen in FAZ und Frankfurter Rundschau. Die jüngste Ausschreibung für eine Pflegekraft-Stelle erhielt auf Facebook innerhalb kürzester Zeit 60 Likes und wurde 41 Mal geteilt. Es gibt − und das betont man nicht ohne Stolz − eine zunehmende Anzahl an Bewerbern, die sich im Bewerbungsgespräch auf die Stellenanzeigen auf Facebook bezieht.

„Es gab sogar mehrere Bewerber in der Pflege, die im Bewerbungsgespräch gesagt haben, dass sie eigentlich gar nicht auf der Suche waren, aber uns seit geraumer Zeit auf Facebook verfolgen und sich nur wegen unseres guten Auftretens beworben haben. Der Tenor war immer: In einem Unternehmen, das seine Mitarbeiter so positiv in den Vordergrund stellt, wollen sie auch arbeiten“, so Camphausen.

Ob die Veröffentlichung von Stellenangeboten via Facebook oder dem Auftritt auf YouTube − den Frankfurter Rotkreuz-Kliniken geht es darum, ein Krankenhaus als Ganzes zu präsentieren, indem einerseits aus dem medizinischen Alltag berichtet wird, andererseits aber auch Alltäglichkeiten und Stories im Vordergrund stehen – immer mit der Einladung, am Geschehen teilzuhaben.

Während sich andere Kliniken immer noch weitgehend auf langlebigere Pressemitteilungen verlassen und überwiegend eindimensional kommunizieren, hat man sich bei den Rotkreuz-Kliniken bewusst für einen anderen Weg entschieden und wird letztlich dafür auch belohnt: Nicht nur auf Facebook, wo es von allen Kommentatoren die volle Punktzahl gibt, sondern auch bei Kununu (4,54 von fünf Punkten) und dem Klinikportal Jameda (Gesamtnote 1,2).

Auch andere Kliniken werden nachziehen müssen

Um Social Media wird auch im deutschen Gesundheitswesen bald niemand mehr herumkommen, ist sich Martin Camphausen sicher − spätestens, wenn jüngere Generationen das Ruder übernehmen. Das werden auch deutsche Klinikleitungen akzeptieren müssen: Bisher scheut sich noch der überwiegende Teil der Kliniken vor Facebook & Co. Dabei gibt es eine Reihe von Themen, die Krankenhäuser als Ausgangspunkt für Diskussionen in sozialen Netzwerken nutzen könnten, z. B. die Qualitätsoffensive der Bundesregierung oder die neue Krankenhaus- und Pflegegesetzgebung. Aber auch die Professionalisierung der Pflege und die damit verbundene Einführung der Pflegekammern in einigen Bundesländern sind Punkte, die in eine Diskussion mit einbezogen werden könnten.

Thumbnail und Bild oben rechts: ©Romolo Tavani, Fotolia.

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10 Comments

  1. “Der Tenor war immer: In einem Unternehmen, das seine Mitarbeiter so positiv in den Vordergrund stellt, wollen sie auch arbeiten.“ Durch solche Erkenntnisse entsteht ein Verhältnis zu den Potentialen, die Social Media im Hinblick auf Employer Branding und Recruiting hat.

    Speziell im Hinblick auf eine Branche wie Pflege, die der Fachkräftemangel voll trifft, ist die Überzeugungsarbeit von Herrn Camphausen ein klarer Vorsprung auf dem Bewerbermarkt und wird zunehmend unverzichtbar.

    • Stephan Mayer says:

      Ich gebe Ihnen völlig recht. Von dieser Klinik wird man in sozialen Netzwerken in Zukunft sicherlich noch mehr lesen!

  2. Ich verstehe die Bedenken der Krankenhäuser. Es gibt zahlreiche Meldungen über mangelnde Versorgung in Krankenhäusern. Wenn man noch die besorgten Angehörigen bedenkt, die mit großer Wahrscheinlichkeit ihren vorhandenen Frust/ihre Kritik in sozialen Netzwerken äußern kann es sehr schnell emotional zugehen. Nichtsdestotrotz geht es in Social Media genau darum: auf einer emotionalen, sozialen Ebene miteinander zu kommunizieren. Mit der richtigen Planung und einer optimalen Kommunikationsstrategie ist jedoch auch diese “Herausforderung” zu bewältigen.

    • Stephan Mayer says:

      Vielen Dank für die beinahe schon regelmäßigen Kommentare bei Socialmedia-Blog.Net. Darf ich fragen, wie Sie auf mich aufmerksam geworden sind? Haben Sie als Agentur bereits mit Krankenhäusern zu tun gehabt?

  3. HealthcareConsultant says:

    Es freut mich zu sehen, dass jetzt auch in Deutschland die ersten Krankenhäuser anfangen, sich intensiver mit sozialen Netzwerken auseinanderzusetzen. Sie zeigen in Ihrem Artikel ja recht deutlich, dass sich effektives Social Media Management letztlich auszahlt, im Hinblick auf die Zufriedenheit der Patienten und Angehörigen, aber auch im Hinblick auf die Recruitierung neuer Mitarbeiter. Der Generationenwechsel im Management der Krankenhäuser macht sich hier ganz deutlich bemerkbar.

    • Stephan Mayer says:

      Vielen Dank für Ihren Kommentar! Haben Sie persönliche Erfahrungen mit dem Recruitment von neuen Mitarbeitern? Wenn ja, welche?

  4. Wenn ein Krankenhaus es vermeidet, in einen offenen Dialog zu treten und es zu Problemen kommt, werden Patienten, Angehörige oder Mitarbeiter immer einen Weg finden, sich im Netz zu artikuliieren, sei es auf Kununu oder auf Klinikbewertungsportalen.

  5. Wieder einmal ein spannender und aufschlussreicher Artikel auf Socialmedia-Blog.Net! Herzlichen Dank!

  6. Thank you, Steven, for highlighting the importance of content marketing in your lecture at our college. It is pretty amazing to see how even hospitals use Facebook and YouTube to develop a corporate identity in Germany. I think Chinese hospitals still need to go a long way to be as clever as German or American ones. I have never heard about similar campaigns on Weibo, YouKu or Weixin.

    • Stephan Mayer says:

      Dongmei, I am happy to hear that you have enjoyed my lecture. I will let you know if I come across Chinese hospitals with a similar approach when it comes to social media.

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